Ich begann langsam zu lesen. Es war schwierig. Viele Wörter ergaben keinen Sinn. Aber in einer nahegelegenen Stadt gab es eine kleine Bibliothek, die von einer älteren Dame namens Doña Carmen geleitet wurde.
Sie brachte mir bei, wie man ein Wörterbuch benutzt, erklärte mir Wörter und ließ mich länger bleiben, als erlaubt war. Eines Tages schenkte sie mir ein kleines Taschenwörterbuch. Ich trug es jahrelang bei mir.
Lesen hat mich nicht reich gemacht, aber es hat meinen Horizont erweitert.
Militärdienst und Erlernen der Grundlagen
Dann kam der Militärdienst. Für mich war er gar nicht so schlimm. Ich aß drei Mahlzeiten am Tag, schlief in einem richtigen Bett und lernte mehr – Schreiben, Rechnen, Geschichte, Geografie.
Ich habe mit einem einfachen Zertifikat abgeschlossen. Es war nicht viel, aber es war wichtig.
Arbeit, Familie und ein bescheidenes Leben
Danach habe ich überall gearbeitet, wo ich konnte – in Fabriken, Lagerhallen, Läden. Manche Betriebe machten dicht, andere hielten nicht lange. So war das Leben.
Ich lernte meine Frau auf einem Dorffest kennen. Wir waren 62 Jahre zusammen. Sie ist inzwischen verstorben, aber die Erinnerung bleibt. Wir hatten drei Kinder. Sie haben nie Hunger gelitten und sind alle zur Schule gegangen. Allein das erfüllt mich mit Stolz.
Ich eröffnete eine kleine Reparaturwerkstatt. Sie wurde nie groß, aber sie sicherte unser Überleben. Manche Jahre waren sehr hart – wir verloren mehr als einmal beinahe alles –, aber wir hielten durch.
Was andere vielleicht als Kleinigkeit abgetan hätten, empfand ich als sehr viel.
Wir bekamen schließlich unsere eigene Wohnung mit Heizung. Für jemanden, der einst in einem fensterlosen Auto geschlafen hatte, war das ein enormer Fortschritt.
Ich war nie reich. Das hatte ich auch nicht erwartet. Aber wir haben überlebt.
Die nächste Generation beobachten
Jetzt sehe ich meine Enkelkinder. Auch sie haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen, auf ihre Weise. Sie lernen, sie arbeiten hart, und trotzdem fühlt sich alles so unsicher an. Das muss unerträglich sein.
Uns wurde nie etwas versprochen. Wir wussten, dass das Leben Arbeit bedeutet. Heute werden Versprechen gemacht, die oft ins Leere laufen.
Eines weiß ich ganz sicher
Ich bin nicht hier, um irgendjemanden zu belehren. Ich weiß nur eins: Lernen – selbst langsam, selbst Stück für Stück – hat mich gerettet.
Lesen hat mir Wege eröffnet, von denen ich nichts wusste. Es garantiert zwar kein Geld, aber es lehrt einen, selbstständig zu denken. Und das kann einem niemand nehmen.
Zeit, Erinnerung und das Gefühl, immer noch hier zu sein
Mit 89 Jahren erinnert man sich an mehr, als man plant. Ich sitze am Fenster und denke an meine Frau, an meine Kinder, als sie klein waren, an das alte Auto, in dem ich einst in der Kälte geschlafen habe.
Ich weiß nicht, warum ich das alles erzählt habe. Sie haben mich darum gebeten. Und hier bin ich – immer noch hier. Und das ist wichtig.
Abschließender Gedanke
Nicht jedes Leben ist von großen Erfolgen geprägt. Viele Leben basieren auf Ausdauer, kleinen Fortschritten und stiller Liebe. Manchmal ist es ein wahrer Sieg, das Ende mit unversehrten Erinnerungen und Ehrlichkeit im Herzen zu erreichen.